sich selbst akzeptieren

Ich weiß, dass du manchmal das Gefühl hast, nicht gut genug zu sein. Dass du zweifelst. An dir, deinen Fähigkeiten und Talenten. Deiner Liebenswertigkeit. Vielleicht bist du auch unzufrieden mit deinem Aussehen. Magst deinen Körper nicht, fühlst dich unwohl in deiner Haut. Wenn du andere siehst, geht die Vergleicherei los. Bei der du den Kürzeren ziehst. Die Stimme in deinem Kopf kommentiert alles. Sie sagt dir sofort, was du falsch gemacht hast oder was alles falsch an dir ist.

Wieso ich das weiß, ohne dich persönlich zu kennen? Weil auch mir diese Stimme bekannt vorkommt.

Glaub mir: ausnahmslos JEDER kennt sie. Die Stimme, die dich versucht, klein zu machen und es dir schwer macht, eine gute, liebenswerte Beziehung zu dir selbst aufzubauen.

Ich möchte dir helfen, dich von deinen Selbstzweifeln und einschränkenden Gedanken zu lösen. Dich frei zu machen von der Selbstkritik und Selbstablehnung. Und dir einen Weg zeigen, wie du dich (wieder) so annehmen kannst, wie du bist.

Es geht nicht darum, von 0 auf 100 zu kommen

Das hier wird kein klassischer Selbstliebe-Artikel, in dem ich dir rate, dich vor den Spiegel zu stellen und dir selbst „Ich liebe dich“ zu sagen. Diese „fake it till you make it“-Technik hat ihre Berechtigung und kann mitunter sehr wirkungsvoll sein.

Ich erlebe jedoch auch immer wieder, dass diese Herangehensweise, bei der du sozusagen das Positive in und an dir nach oben pushst, viele überfordert.

Weil diese Selbstliebe-Nummer noch zu weit weg ist von dem Punkt, an dem sie stehen. Weswegen es sich schlichtweg falsch anfühlt, sich selbst vorzugaukeln, wie toll man sich findet – obwohl in Wahrheit das Gegenteil der Fall ist.

Lass es uns deshalb langsam angehen.

Du musst nicht alles an dir sofort lieben. Heute üben wir, eine akzeptierende, eine annehmende Haltung dir selbst gegenüber entwickeln.

Wie du das hinkriegst?

In diesem Artikel serviere ich dir eine Mischung aus Theorie und Praxis. Zuerst stelle ich dir das Konzept der Radikalen Selbstakzeptanz vor und zeige dir, wieso es so wertvoll ist. Du erfährst, wieso es so wichtig ist, dich mit deinen Gedanken und Gefühlen über dich selbst bewusst auseinanderzusetzen und trainierst, eine Beobachterhaltung einzunehmen. Last but not least warten 3 konkrete Übungen auf dich, die dir helfen, dich anzunehmen. Und zwar alles: dein Aussehen und deinen Körper, deine Eigenschaften und deine negativen und schmerzlichen Erfahrungen aus der Vergangenheit.

Radikale Selbstakzeptanz – was wirklich dahinter steckt

Mit der Idee von Radikaler Selbstakzeptanz kam ich in einem Buch von Tara Brach das erste Mal in Berührung. (Hier gelangst du zu ihrem Buch auf englisch bzw. auf deutsch.)

Radikale Selbstakzeptanz meint eine bestimmte Einstellung, Haltung und Sichtweise auf alle Gefühle und Gedanken, die du hast.

Lass uns einmal das Wort selbst auseinandernehmen: „radikal“ ist eine Ableitung vom lateinischen Wort „radix“, was so viel wie Ursprung oder Wurzel bedeutet. Damit ist letztlich gemeint, dass es bei radikaler Selbstakzeptanz nicht um oberflächliche Symptombehandlung geht. Es geht nicht darum, deine Gedanken und Gefühle wegzumachen.

Im Gegenteil: das, was dich beunruhigt – ob Gedanke oder Gefühl – hat seine Berechtigung und verdient deine Aufmerksamkeit. Es geht letztlich darum, dich auf eine wohlwollende Art und Weise damit auseinandersetzen.

Und da wären wir beim zweiten Wort: Akzeptanz stammt vom lateinischen „accipere“ und meint annehmen. Du kannst es dir wie ein „Ja“ vorstellen – zu dem, was gerade in dir auftaucht – sowohl an Gedanken als auch an Gefühlen.

Damit wir uns an dieser Stelle nicht falsch verstehen: dieses Ja heißt nicht, dass du es gut finden musst!

Annehmen hat nichts mit Resignation zu tun!

Es ist leidglich eine Anerkennung, dass das, was geschehen ist oder geschieht, eben passiert (ist).

Punkt.

Eine Feststellung, eine Beobachtung der Realität. Dass dieser Gedanke und/oder dieses Gefühl gerade da ist. Auch wenn es gerade unangenehm ist. Und dass es da sein darf (ohne sich darin verlieren zu müssen).

Die Falle, in der wir normalerweise tappen, wenn irgendetwas Unangenehmes wie beispielsweise Schmerz, Angst, Selbstzweifel, Neid, Traurigkeit usw. in uns hoch kommt heißt: ABLENKUNG.

Ein Stück Schokolade hier, ein Glas Wein da, ein Blick aufs Smartphone, die Lieblingsserie auf der Couch, ein Treffen mit deiner Freundin. Es gibt viele Strategien, die dir dabei helfen, den unangenehmen Dingen in dir aus dem Weg zu gehen.

Du kannst ja mal überlegen, was deine „Lieblings-Ablenkung“ ist. Überprüfe für dich, was du bisher tust, wenn negative Gedanken oder Gefühle hochkommen.

Und ob du nicht vielleicht auch die eine oder andere Fluchtstrategie oder Betäubungsmethode anwendest, damit du dich dem, was in dir ist, nicht stellen musst.

Du entscheidest dich natürlich nicht bewusst für diese „Ablenkungen“. Vielmehr ist es ein unbewusster Automatismus: Es entsteht ein Schmerz oder ein unangenehmes Gefühl. Weil du das eigentlich nicht willst, springen sofort diese Mechanismen an, um nicht zu fühlen, was gerade da ist.

Wie heißt es so schön: aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Selbst wenn es dir gelingt, deine negativen Gedanken und Gefühle kurzfristig aus deinem Kopf und Körper zu verbannen, tauchen sie früher oder später trotzdem wieder auf. Und dann meistens mit doppelter Intensität und Hartnäckigkeit. Spätestens wenn du abends in deinem Bett zur Ruhe kommst, oder besser gesagt zur Ruhe kommen willst.

Doch warum weichen wir solchen Gedanken und Gefühlen aus, obwohl wir, wenn wir ehrlich sind, tief im Inneren wissen, dass es uns nichts bringt?

Wenn die Angst vor der Angst größer ist, als die Angst selbst

Erinnere dich mal an eine Situation in deinem bisherigen Leben, in oder vor der du Angst hattest. Vielleicht war es eines deiner Vorstellungsgespräche, vielleicht bei deiner Führerschein- oder einer anderen Prüfung. Beim Umzug in eine neue Stadt, beim Autofahren, Fliegen, vor einem deiner ersten Dates oder was auch immer.

War es da nicht ab und an so, dass es im Nachhinein doch „gar nicht so schlimm“ war? Dass du dich dann manchmal sogar gefragt hast, wieso du dich überhaupt so „angestellt“ hast?

Es ist ganz häufig der Fall, dass uns die Vorstellung, die Erwartung an unsere Angst viel mehr ängstigt, als das, was wir in der angstbesetzten Situation dann tatsächlich erleben.

Und das läuft nicht nur bei Angst so ab, sondern bei jedem Gefühl, sei es Schmerz, Wut oder Trauer.

Deine Gefühle und Gedanken haben so viel Macht über dich, wie du bereit bist, ihnen zu geben!

Deine Gefühle tun dir nichts. Auch wenn du vielleicht denkst: „oh Gott, diesen Schmerz überlebe ich nicht.“

Glaube mir, du überlebst ihn.

Und mehr noch: jedes Gefühl wird vorübergehen. Ganz egal ob es Freude, Wut, Hilflosigkeit oder Traurigkeit ist.

Und genau so ist es mit deinen Gedanken. Vielleicht kennst du aus der Achtsamkeitspraxis das Bild, Gedanken seien wie Wolken am Himmel, die vorüberziehen. Du denkst am Tag im Durchschnitt zwischen 60.000 und 80.000 Gedanken. All das sind einfach nur Worte in deinem Kopf. Die vorübergehen und weiterziehen – egal ob es schöne, angehnehme oder unangenehme Gedanken sind.

Wahrscheinlich denkst du jetzt gerade so etwas wie: vielleicht ist das ja bei dir so – aber wenn ICH niedergeschlagen, traurig oder selbstkritisch bin, dann „fließt“ das nicht einfach so locker leicht durch mich hindurch. Sondern es zieht mich mit aller Wucht nach unten auf den Boden.

Und genau darin liegt das Problem.

Du identifizierst dich mit deinen Gedanken und Gefühlen

Wenn du dich traurig fühlst, dann glaubst du, du BIST die Trauer. Wenn du Schmerz in deinem Körper wahrnimmst, glaubst du, du BIST dieser Schmerz.

Dem ist aber nicht so. In Wahrheit derjenige oder diejenige, die/der in der Lage ist, diese Trauer oder diesen Schmerz wahrzunehmen.

Bei deinen Gedanken ist es genau das Gleiche. Du BIST nicht schüchtern, sondern du hast den Gedanken, dass du schüchtern bist. Du BIST nicht unkreativ, du erzählst dir, dass du unkreativ bist.

Lass uns nun den Bogen schlagen zur Radikalen Selbstakzeptanz

Mit der Gewissheit, dass jeder Gedanke und jedes Gefühl – auch dir selbst gegenüber, von Natur aus VERGÄNGLICH ist, wenn du nicht daran festhältst: versuche NICHT, irgendeinen Gedanken oder ein Gefühl weghaben zu wollen.

Lass sie einfach da sein.

Du musst nicht gegen sie ankämpfen. Genau dann entsteht Leid. Wenn du versuchst, etwas krampfhaft zu verändern. Wenn du dich gegen die Realität stellst.

Lass mich dir das einem Beispiel erklären.

Nehmen wir an, du betrachtest dich im Spiegel und der erste Gedanke, der hochkommt ist: „du sahst aber auch schon mal besser aus!“ Du spürst, wie sich langsam Gefühle der Unsicherheit und Scham breit machen.

Radikale Selbstakzeptanz heißt, diese Gedanken und Gefühle da sein zu lassen! Sie wahrzunehmen (statt sie „wegzumachen“) und sie zu akzeptieren.

Bringe ihnen ein JA entgegen.

Ein Ja, das bedeutet: „hallo Gefühle, hallo Gedanken, ihr seid da. Ihr dürft da sein. Ich werde mich nur nicht von euch runterziehen und beeinflussen lassen.“

Geisel dich nicht dafür oder mache dich fertig, dass du diesen Gedanken denkst. Oder dieses Gefühl fühlst.

Der bereits verstorbene Psychotherapeut Nathaniel Branden erklärt das, worum es geht, sehr schön:

Die Bereitschaft, unsere Gefühle zu erleben und zu akzeptieren, trägt keine Implikation, dass Emotionen das letzte Wort haben. Es mag sein, dass ich nicht in der Stimmung bin, heute zu arbeiten, aber ich kann meine Gefühle anerkennen, sie erleben, sie akzeptieren und dann trotzdem zur Arbeit gehen. Ich werde mit einem klareren Verstand arbeiten, weil ich den Tag nicht mit Selbsttäuschung begonnen habe.

Sorge mit einem JA für innere Ruhe und Ausgeglichenheit

Wenn du ALL deinen Gedanken und Gefühlen über dich selbst mit einer annehmenden Haltung entgegentrittst, nimmst du ihnen ganz schön viel Macht.

Radikale Selbstakzeptanz ist also keine Technik, bei der es darum geht, dass deine negativen Gedanken und Empfindungen weggehen.

Vielmehr geht es darum, dass du alle deine limitierenden, kleinmachenden, abwertenden Gedanken und Gefühle der Selbstablehnung annimmst, ohne dich selbst dafür zu verurteilen. Ohne es anders haben und wollen.

Radikale Selbstakzeptanz, so wie Tara Brach sie definiert, beinhaltet also zwei Elemente: Die ehrliche Anerkennung dessen, was in dir los ist, und die mutige Bereitschaft, all diese Dinge bewusst wahrzunehmen und ihnen erlauben, da zu sein. Sie sagt selbst: „I sometimes simplify it to ‚recognizing‘ and ‚allowing’.”

Du musst nicht gut finden, was da gerade an Erleben in dir ist. Du kannst etwas akzeptieren ohne es zu mögen. Im Beispiel von oben hieße das also, die Unsicherheit und Scham zu akzeptieren, genauso wie den Widerstand und die Aversion, diese Gefühle nicht haben zu wollen.

So holst dir deine Macht zurück Indem du wählst. Im ersten Schritt nicht, welche Gedanken und Gefühle du über dich hast, denn das läuft größtenteils unbewusst ab.

Aber du entscheidest, wie bzw. auf was du reagierst. Das gelingt dir, indem du erkennst, dass du nicht deine Gedanken und Gefühle bist.

Schule den wohlwollenden Beobachter in dir

Lass uns nun ganz praktisch werden, damit du das bisher Gelernte anwenden und üben kannst.

Dazu werde ich dir gleich drei verschiedene Übungen geben – sowohl Selbstbeobachtungs- als auch Reflexionsaufgaben.

Durch die Übungen machst du dir klar, was du die ganze Zeit unbewusst über dich denkst. Bzw. besser gesagt, was „es in dir denkt und fühlt“, wenn du dir verschiedene Bereiche von dir und in deinem Lebens betrachtest.

Eine Übung hat mit deiner Körperwahrnehmung zu tun, die zweite mit deinem Charakter, die dritte schließlich mit deinen bisherigen Erfahrungen im Leben.

Alles Dinge, mit denen viele meiner Klienten hadern. Die sie davon abhalten, sich selbst bedingungslos anzunehmen. Weil sie sich oder etwas in ihrem Leben gern anders hätten.

Radikale Selbstakzeptanz heißt in diesem Zusammenhang, wahrzunehmen, was da ist an Gedanken und Gefühlen und versuchen, diese anzunehmen. Als Teil von mir selbst. Als Teil meines Lebens.

Das geht nicht von heute auf morgen.

Es gibt keinen Schalter für Selbstannahme, den du einfach so wie einen Lichtschalter anknipsen kannst. Es wird vermutlich etwas Übung brauchen. Das heißt, führe die Übungen nicht nur einmal, sondern mehrmals durch.

Und zwar so lange, bis du dem, was auftaucht, ein wirkliches und ehrlich gemeintes Ja entgegenbringen kannst. Nochmal: Das „Ja“ meint hier nicht, happy darüber sein zu müssen, was da ist! Es ist ein Ja zu diesem Gedanken, zu dem Hadern, dem Zweifeln. Dem Annehmen, dass dies ein Teil von dir ist und dass es ok ist, dass es diesen Teil gibt.

Genau das wird erfahrungsgemäß in den ersten 2-3 Durchgängen schwierig sein. Es ist ganz normal, dass der Bewerter und/oder der Kritiker in dir auftaucht. Wenn das passiert: begegne diesen Aspekten in dir ebenfalls mit Neugierde und Aufmerksamkeit im Sinne von „Ah okay, an dieser Stelle wird mein Kritiker gerade wieder sehr laut.“

Übung 1: Schließe Frieden mit deinem Spiegelbild und deinem Körper

Die erste Übung kannst du dir wie eine Art Meditation vorstellen. Idealerweise suchst du dir ein ruhiges Plätzchen, wo du für etwa 20 Minuten ungestört bist.

Diese Aufgabe ist insbesondere für dich geeignet, wenn du

  • mit deinem Körper oder deinem Aussehen unzufrieden bist
  • dich ungern selbst im Spiegel betrachtest
  • andere grundsätzlich schöner und attraktiver findest
  • die Beziehung zu deinem Körper verbessern willst und eine gute Verbindung zu ihm aufbauen möchtest

Lies dir zuerst die Anleitung durch und wiederhole die Übung ein paar Mal – bis du gestärkt und positiv aus ihr hervorgehst. Du kannst sie auch zu einer festen Routine machen (vielleicht an einem Tag in der Woche).

Du kannst die Übung im Sitzen oder im Liegen durchführen. Schließe die Augen.

Stell dir entweder vor, wie du vor deinem inneren Auge nackt vorm Spiegel stehst, oder wie du aus deinem Körper heraustrittst und ihn von oben bis unten von außen wahrnimmst – so wie du es bei einer anderen Person machst.

Wandere mit deiner Aufmerksamkeit von unten nach oben durch deinen Körper und verweile bei den einzelnen Köperteilen: deinen Füße, deinen Beine, deinem Po, deinem Becken, deiner Hüfte, deinem Bauch, deinem Rücken, deinen Armen, deinen Händen, deinem Gesicht, deinen Haaren.

Betrachte jedes einzelne Körperteil genau und bleib für 1-2 mit deiner gesamten Aufmerksamkeit dort.

Nimm bewusst wahr (ohne irgendetwas zu verändern): welche Gefühle und Gedanken kommen hoch, wenn du dieses Körperteil genau betrachtest? Was möchtest du anders haben?

Wo wertest du dieses Körperteil ab?

Gibt es etwas, dass du abstoßend findest?

Oder etwas, das du bewunderst, schön, ästhetisch findest?

Kannst du ein ehrliches Ja für diesen Teil deines Körpers finden?

Wenn ja, dann schenke ihm dieses Ja.

Und wenn nicht – bleibe einfach in der Wahrnehmung dessen was ist und nimm alle Gedanken und Gefühle an, die in dir aufkommen.

Fühle es, ohne irgendetwas verändern oder weghaben zu wollen.

Wenn du merkst, dass du Widerstand spürst, versuche, auch ihn anzunehmen und da sein zu lassen.

Übung 2: Akzeptiere deinen Charakter und deine Verhaltensweisen

Natürlich ist es hilfreich, dich auch auf deine Stärken zu fokussieren. Um in deine ganze Kraft zu kommen, ist es jedoch wichtig, ALLE Anteile in dir anzunehmen und zu integrieren, denn auch die „unbeliebten“ gehören zu dir.

In dieser Übung geht es deshalb darum, dir über deine Eigenschaften und Verhaltensweisen bewusst zu werden, die du nicht so sehr an dir magst. Am meisten „Material“ sammelst du deshalb, wenn du dich mehrfach mit Stift und Papier hinsetzt und immer wieder reflektierst, wie du dich verhalten hast. Für den Anfang macht es auf jeden Fall Sinn, dir „allgemeine Fragen zu stellen“, wie zum Beispiel:

  • Was denkst du über dich und deinen Charakter?
  • Wärst du gerne draufgängerisch und mutig, bist es aber nicht?
  • Wärst du gerne geselliger, witziger, würdest andere gerne zum Lachen bringen, bist aber introvertiert und schüchtern?
  • Wie kannst du dich und deine Persönlichkeitseigenschaften möglichst sachlich beschreiben? Sei dabei ehrlich zu dir.

Versuche doch mal den Satzanfang: Ich bin… mit möglichst vielen Adjektiven zu ergänzen.

Schreibe unbedingt auch die auf, die du nicht sonderlich toll findest.

Wahrscheinlich werden dir auf Anhieb 15, vielleicht auch 20 für dich charakteristische Worte und Beschreibungen einfallen. Deshalb lohnt es sich, deine Verhaltensweisen aus deinem konkreten Alltag zu beobachten und am Abend noch einmal zu reflektieren, wie du die Eigenschaft, die hinter diesem Verhalten steckt, am besten benennen könntest. Warst du beispielsweise ungeduldig, als die Schlange an der Supermarkasse so lange war?

Hattest du während deines Tages ziemliche Hoch- und Tiefpunkte von total gut gelaunt bis genervt und miesepetrig? Dann könntest du auf deine Liste eventuell ungeduldig und launisch hinzufügen.

Auf diese Art und Weise kannst du deine Selbstbeobachtung Schritt für Schritt ergänzen und erhältst ein immer präziseres Bild von dir.

Und dann heißt es „nur noch“: akzeptieren. Führe dir vor Augen, dass es nicht darum geht, „perfekt“ zu sein oder generell irgendwie „sein zu müssen“. Begegne dir und deinem Verhalten voll Mitgefühl. Denn jeder Anteil in dir darf da sein und hat seine Berechtigung.

Und das bedeutet nicht, dass du dich auf diesen Aspekt in dir, der dir nicht gefällt, fokussieren sollst und ihm viel Aufmerksamkeit schenken sollst. Entscheide bewusst, welche Eigenschaften und Verhaltensweisen du an und in dir stärken willst. Dies ist jedoch nur dann möglich, wenn du ALLEM erlaubst, da zu sein.

Übung 3: Akzeptiere deine bisherigen Erfahrungen und deine „Fehler“

Lege dir für diese Reflexionsübung Papier und Stift bereit. Lies dir die Übungsanleitung in Ruhe durch und schreibe danach alles auf, was dir bei den Fragen in den Sinn kommt.

Nimm dir für die Übung auf jeden Fall genügend Zeit. Mir hilft es häufig, das, was ich aufgeschrieben habe, erst einmal „sacken zu lassen“ und mich nach 2-3 Stunden erneut dran zu setzen – dann kommen wieder ganz andere und frische Gedanken dazu.

Das hier sind die Fragen:

  • Gibt es etwas, was du bereust?
  • Etwas, was du getan oder auch nicht getan hast?

Notiere alle großen und kleinen Erfahrungen, die in deinen Augen Fehler oder Fehlentscheidungen waren.

Schreibe auf, was du dir selbst oder auch anderen vorwirfst, wo du dich schuldig oder ungerecht behandelt fühlst bzw. gefühlt hast.

Schaue bei jeder dieser Erfahrung genauer hin. Versuche, ehrlich und ernsthaft Gründe für dein Verhalten oder das Verhalten der anderen Person zum damaligen Zeitpunkt zu finden.

Selbst wenn dir auf Anhieb nichts einfällt – bleib dran. Denn eins kann ich dir versichern: es gibt IMMER einen Grund, wieso sich ein Mensch auf diese Art und Weise verhält.

Folgende Fragen könnten dir dabei behilflich sein:

  • Welche Bedürfnisse wollte ich/der/die Andere mit dem Verhalten erfüllen?
  • Welches Ziel erreichen?
  • Was habe ich aus dieser Situation bzw. Erfahrung lernen können?

Lass mich dir dazu ein kurzes Beispiel geben.

Nehmen wir an, du hast für den Abend zwei Verabredungen ausgemacht.

Zuerst mit deiner Freundin auf einen Kaffee, danach mit der Schwester zum Abendessen – da du beiden schon länger versprochen hast, mal wieder etwas zusammen zu unternehmen. Nach dem Dating-Marathon kommst du erschöpft zuhause an, bist müde, hast Kopfweh und fällst nur noch in dein Bett, um für den nächsten Arbeitstag fit zu sein.

Wenn du über die beiden Treffen nachdenkst, wirst du feststellen, dass du gefühlt überhaupt nicht anwesend warst. Nicht präsent in dem Augenblick, sondern in Gedanken bereits beim nächsten Treffen und beim Abhaken der To Do’s. Du kannst dich möglicherweise nicht mehr richtig daran erinnern, über was ihr eigentlich geredet habt. Nur noch, dass die Mädels irgendwie komisch und distanziert gewirkt haben. Das ist nicht Sinn und Zweck der Verabredung, oder?

Nimm diese Gefühle und auch das, was an dem Abend da war, zunächst wohlwollend an. Verbinde dich mit deinen „guten Gründen“, es getan zu haben, wie du es gemacht hast. Nimm an, dass du am liebsten jemand anderes wärst und vielleicht auch den Widerstand dagegen, dass dein Leben aktuell so busy ist und dich deswegen zwingt, deine sozialen Kontakte so gedrängt zu pflegen.

All das darf sein.

Eventuell taucht auch die Idee auf, dass es besser gewesen wäre, einer der beiden Mädels abzusagen und ihr die Situation zu erklären.

Wenn du die Fragen ehrlich beantwortet hast, kannst du das, wie du bist, akzeptierender entgegen treten und – wenn du noch einen Schritt weiter gehst – deinen Erfahrungen fast nicht mehr negativ und abwertend entgegenblicken. Denn dadurch erkennst du, dass sie nötig und wichtig waren, um dich genau zu dem Menschen zu machen, der du heute bist. Um genau das lernen und auflösen zu können.

Wenn du auf diese Art und Weise mit schwierigen Erfahrungen umgehst, wirst du sie bald nicht mehr als „Fehler“, sondern als wertvolle Lehrer ansehen.

Auf los geht’s los

Ich werde definitiv noch einen Artikel schreiben, in dem ich dir zeige, wie du dieses „Annehmen“ in eine wirklich positive und liebevolle Verbindung zu dir verwandelst.

Aber eins nach dem anderen. Der vorerst wichtigste Schritt für inneren Frieden mit dir lautet: Radikale Selbstakzeptanz.

Deswegen geht es jetzt um das Umsetzen. All meine Worte nützen nichts, wenn du nicht aktiv wirst!

Hinterlass mir einen Kommentar. Besonders neugierig bin ich auf:

  • Welche Aha-Momente hattest du beim Lesen des Artikels?
  • Leuchtet dir das Konzept der Radikalen Selbstakzeptanz ein?
  • Beim Durchführen der Übungen: Welche Erfahrungen hast du gemacht? Was ist dir besonders schwer gefallen? Mit welchem Gedanken oder Gefühl über deinen Körper, dein Verhalten oder deinen Erfahrungen hast du am meisten zu kämpfen?

 

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