für-andere-verantwortlich-sein(2)

Bist du ein Mensch, der viel für andere da ist? Der ständig versucht, seinen Freunden, Familienmitgliedern und Kollegen zu helfen bzw. deren Probleme aus der Welt zu schaffen? Anderen zur Seite zu stehen ist wunderbar. Aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Sprich mir nach: Ich bin NICHT für die Probleme und Gefühle meiner Mitmenschen verantwortlich.

Nachdem du diesen Artikel gelesen hast, wirst du erkennen, dass es einen riesengroßen Unterschied gibt zwischen jemanden zu unterstützen und zu versuchen, seine Schwierigkeiten für ihn zu bewältigen. Du gewinnst Klarheit darüber, wieso du immer wieder in die Falle tappst, dich für die Probleme und Sorgen anderer verantwortlich zu fühlen und weißt nicht nur, wieso du schleunigst damit aufhören solltest, sondern auch, was du tun kannst.

Wieso es dir so schwer fällt, dich nicht verantwortlich zu fühlen

Glaub mir, ich verstehe und kenne das nur zu gut. Wenn es jemand anderem schlecht geht, ist es für viele von uns scheinbar unmöglich, nichts zu tun. Nicht einzugreifen oder nicht zu helfen.

Insbesondere dann, wenn es jemand ist, der dir sehr nahe steht wie beispielsweise deine Eltern, dein Partner, deine Kinder oder deine besten Freunde. Du würdest sicher alles Erdenkliche tun, um ihnen wieder ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Wenn das nicht geht, willst du wenigstens dafür sorgen, dass das Problem aus der Welt geschafft wird. Es ist einfach schlimm und unangenehm für uns, mit anzusehen, wie einer unserer Liebsten leidet.

Es gibt gute Gründe, wieso du dich so sehr für den Gefühlszustand oder gar das Leben anderer verantwortlich fühlst. Diese zu kennen, macht es leichter, dass du dieses Verhalten hinter dir lässt, weil du nicht mehr so reflexhaft in die „Ich mach das schon“-Falle tappst. Es schafft aber auch ein Verständnis für dich selbst, denn es spricht eher für dich als Mensch, dass du anderen so zur Seite springst.

1. Du bist ein soziales Wesen und tust grundsätzlich gut daran, dich um das Wohlergehen anderer zu kümmern!

In der Steinzeit schlossen sich Menschen vor allem deshalb in Gruppen und Gemeinschaften zusammen, weil es dadurch wahrscheinlicher wurde, dass möglichst viele von ihnen überlebten. Wenn sie sich zum Beispiel vor einem Säbelzahntiger verteidigen mussten. Oder aber sie durch den panischen Blick eines anderen wussten, dass Gefahr drohte und nur deshalb überlebenswichtige Fluchtmaßnahmen ergreifen konnten.

Obwohl du heute natürlich nicht in erster Linie Bindungen und Beziehungen eingehst, um am Leben zu bleiben, ist dieser Teil dennoch evolutionsbiologisch in dir angelegt.

Unser Wunsch nach Verbundenheit besteht vor allem auf der emotionalen, der gefühlten Ebene. Spiegelneuronen in deinem Gehirn sorgen dafür, dass du die Emotionen und Gefühle deines Gegenübers nicht nur wahrnimmst, sondern eben auch mitfühlst. Sie wirken wie Gefühlsantennen, durch die du ein besonderes Gespür für den Wohlbefindenszustand von anderen hast.

Dein Schmerz ist mein Schmerz

Sicherlich hast du schon mal erlebt, dass du intuitiv wahrgenommen hast, wie es deinem Gesprächspartner geht. Unabhängig davon, ob bereits irgendetwas gesagt wurde. Selbst wenn der andere behauptet, es gehe ihm gut, ahnt und spürt etwas in dir sehr genau, wenn dem nicht so ist.

Oder du kennst das vielleicht, wenn eine Person einen Raum betritt und sich die komplette Stimmung schlagartig verändert. Zum guten, wenn sie eine positive Ausstrahlung hat. Oder zum schlechten, wenn es sich um einen Nörgler und Miesepeter handelt.

Ich bin sicher, du kennst solche Übertragungsphänomene. Sie sind überaus sinnvoll! Denn nur dadurch sind wir in der Lage, uns in andere Menschen hineinzuversetzen. Sie voll und ganz zu verstehen – und zwar nicht nur auf der rationalen Ebene.

Erst dadurch wird Empathie, Verständnis und Mitgefühl überhaupt möglich.

Und es machst es leichter verständlich, wieso du den Drang, der anderen Person zu helfen umso stärker spürst, je feiner deine „emotionalen Antennen“ für deine Mitmenschen sind. Wer spiegelneuronentechnisch als Neandertaler unterwegs ist, hat dieses Thema in weitaus geringerem Maße.

2. Negative Gefühle sind in unserer Gesellschaft wenig toleriert und geschätzt

Wie stehst du zu „negativen“ Gefühlen wie Traurigkeit, Scham, Wut, Ärger, Neid, Angst, Eifersucht oder Unsicherheit?

Ich frage dich das deshalb, weil ich den Eindruck habe, dass wir mehr und mehr in einer Positiv-Gesellschaft leben.

Das heißt (leider) nicht, dass wir überdurchschnittlich glücklich sind, sondern dass der Großteil der Menschen möglichst nur noch positive Gefühle erleben möchte.

Spaß, Freude, Genuss, Lust… natürlich ist das schön. Aber das ist eben nur eine Seite der Medaille.

Das Leben ist nun mal Dualität.

Es gibt nicht nur den Tag. Oder nur den Sommer. Nur die Sonne, nur das Licht. Sondern auch Nacht, Winter, Regen und Schatten. Genauso ist es auch bei deinen Gefühlen.

Es ist mittlerweile wissenschaftlich bewiesen, dass Menschen, die das GESAMTE Gefühlsspektrum erleben, d.h. sich für ALLE Gefühle öffnen, deutlich glücklicher sind als solche, die nur versuchen, auf der Positiv-Seite zu bleiben. (Lies in diesem Artikel, wieso negative Gefühle zu Unrecht einen schlechten Ruf haben und wieso sie genauso wichtig und richtig sind wie positive.)

Was hat das alles mit unserem Thema zu tun?

Ganz einfach: da die meisten Menschen negative Gefühle nicht spüren wollen, versuchen sie alles, was negative Gefühle in ihnen auslöst, zu umgehen. Oder sie so schnell wie möglich weg zu kriegen, wenn sie da sind. Da du ja nun weißt, dass es sich auf dich überträgt, wenn andere leiden, hältst du ihr Leid nur schwer aus, da es in gewisser Art zu deinem wird.

Also versuchst du alles in deiner Macht Stehende zu tun, um die negativen Gefühle beim anderen – und damit auch bei dir – loszuwerden.

Das kennst du sicherlich auch aus deinem Alltag. Wenn beispielsweise jemand, den du gerne hast, traurig ist und weint. Und es dein erster Impuls ist, ihn mit tröstenden Worten und Gesten aufzumuntern.

Oder nehmen wir an, dass dein Partner total wütend und aufgebracht von seinem langen Arbeitstag nach Hause kommt und sich maßlos über seinen Chef aufregt.

Wenn du ehrlich bist, wirst du wahrscheinlich nichts in die Richtung sagen wie: „Ich merke, dass du sehr wütend bist. Ich würde dir vorschlagen, dich deiner Wut und deiner inneren Unruhe zuzuwenden.“ Viel schneller hast du eine Aussage parat, die sinngemäß meint: „Ach, ist doch nicht so schlimm. Mach dir nichts draus, morgen wird’s wieder anders laufen.“

Je weniger du negative Gefühle selbst als normalen Teil deines Lebens akzeptierst,  umso wahrscheinlicher ist es auch, dass du die Gefühlswelt von anderen zum Positiven verändern willst.

3. Du kannst in der vermeintlichen Retter-Rolle glänzen.

Jeder von uns assoziiert mit „retten“ etwas Ehrenhaftes und Lobenswertes. Etwas, weswegen du dich gut und bedeutsam fühlen darfst und kannst.

Das stimmt für Feuerwehrleute, die Menschen – Opfer, die sich nicht selbst helfen können – aus dem brennenden Haus retten. Wer jemanden rettet, ist wichtig. Kann sich gut fühlen. Stolz sein.

Gefühle, die auch du sicher gern spürst.

Und zwar umso mehr, je weniger du diese Gefühle in deinem sonstigen Alltag oder aus dir heraus spürst. Je weniger du dich selbst als wichtig, toll, großartig und spitze erlebst, umso leichter steigst du in das „Ich spiel mich als Retter auf“-Spiel ein.

Getarnt als „Ich fühle mich für dich und dein Wohlergehen verantwortlich“ erzeugst du dir gute Gefühle. Oder vermeidest zumindest deine eigenen unangenehmen Baustellen.

Es könnte also sein, dass dieses „anderen helfen“ eine willkommene Ablenkungsstrategie für dich ist, um deine eigenen Gefühle und Probleme nicht sehen zu müssen.

Die Retter-Sache hat noch einen Haken. Der Retter braucht das Opfer. Der Prinz kann sich heldenhaft fühlen, weil er die arme Prinzessin vor dem fürchterlichen Drachen rettet. Damit hält er aber die Hilflosigkeit der Prinzessin aufrecht.

Denn wie sollte sie Strategien und Wege lernen, wie sie selbst mit gruseligen Drachen klarkommt, wenn immer irgendeiner da ist, der sie rettet?

Wenn du eigentlich das Beste im Sinn für deine Liebsten hast, ist das klügste, aufzuhören, ihre Arbeit für sie zu machen!

Denn so nachvollziehbar es ist, dass du dich immer wieder dabei erwischst, Probleme anderer zu lösen oder ihnen beizustehen, so dringend solltest du daran etwas ändern!

Wieso du unbedingt damit aufhören solltest, dich für das Wohlbefinden anderer verantwortlich zu fühlen

Die Gründe, die du gleich lesen wirst, sind nicht so gemeint wie das, was nach „wieso du endlich anfangen solltest Sport zu treiben“ kommt. Sie bilden die direkte Brücke zu konkreten Handlungsimpulsen.

In ihnen stecken Ideen, was deine ersten Schritte sein könnten, um aus dem Verantwortungsgefühl rauszukommen. Wenn du beherzigst, was gleich kommt, hast du den Absprung aus der Helfer-Falle schon so gut wie geschafft.

1. Jeder Mensch hat sein eigenes Wahrnehmungssystem und seine eigene Wahrheit

Während ich den Artikel schreibe, muss ich schmunzelnd an ein Erlebnis aus einem unserer Urlaube denken. Vor ein paar Jahren schenkte mir mein Mann zu meinem Geburtstag unter anderem eine Eselwanderung. Das war großartig und verlief völlig reibungslos. Zumindest bis wir den Rückweg antreten wollten. Fritzi und Jupp allerdings – so hießen die beiden vierbeinigen Grautiere – hatten offenbar etwas anderes im Sinn. Sie hatten schlicht und einfach null Bock, wieder zurückzugehen.

Alles ziehen und zerren, gut zureden und locken brachte nichts. Interessierte die Esel nicht die Bohne. Denn sie hatten in dem Moment eine andere Wahrheit. Irgendwann haben wir es kapiert: Sie wollten nicht umdrehen, sondern den Weg weitergehen. Gesagt, getan und alles war schick.

Jetzt ist mir durchaus bewusst, dass wir Menschen und keine Esel sind.

Trotzdem besteht gar kein so großer Unterschied zwischen uns. Auch wir haben unseren eigenen Willen – und sind oft nur sehr schwer davon abzubringen.

Oft können wir nicht anders handeln, als wir es tun.

Wieso?

Weil wir die Dinge auf eine bestimmte Art und Weise wahrnehmen. Du nimmst die Realität nicht objektiv, sondern durch deine ganz persönliche Brille, deinen individuellen Filter war. Dieser Filter ist bei jedem Menschen anders.

Die „Inhalte“ deines Filters sind Überzeugungen, Glaubenssätze, typische Verhaltensmuster, Gedanken und Gefühlsstrukturen.

Genau deshalb greifen auch lapidare Aussagen oder Vorschläge im Sinne von: „mach es doch einfach so oder so“ überhaupt nicht. Denn selbst wenn der andere es in dem Moment anders sehen WILL, kann er es aufgrund seiner bisherigen Prägungen schlicht und ergreifend nicht.

Mit Gefühlen ist das genau das gleiche, denn auch die Auslöser von Gefühlen sind Gedanken und Überzeugungen – die größtenteils unbewusst sind.

Was heißt das also konkret für dich in Bezug auf andere?

Erinnere dich immer dann, wenn du etwas an oder in anderen zu verändern versuchst, dass jeder sein eigenes Wahrnehmungsfiltersystem hat.

Mache dir bewusst, dass es überhaupt nichts bringt, wenn du jemandem deine Sichtweise oder gut gemeinte Ratschläge überstülpst.

Das betrifft sowohl „größere“ Überzeugungen als auch Alltäglichkeiten.

Als Beispiel:

nehmen wir an, du hast dich mit einer Freundin seit längerem mal wieder verabredet und ihr beschließt, essen zu gehen. Du weißt, dass ihr grundsätzlich unterschiedliche Geschmacksrichtungen habt. Du stehst eher auf exotischere Dinge und darauf, Neues ausprobieren, sie mehr auf Traditionelles und gut bürgerliche Küche. In eurer Stadt hat ein neues asiatisches Restaurant aufgemacht, wo du gerne hingehen würdest. Sie aber nicht. Sagt sie zumindest – aber du meinst sehr genau zu wissen, dass es dort auch schmecken würde! Und weil du findest, dass sie ohnehin etwas offener sein sollte und ihr das in ihrem Leben ganz grundsätzlich helfen würde, lieferst du ein gutes Argument nach dem anderen. Um am Ende enttäuscht festzustellen, dass sie einfach nicht mitzieht.

Du hast nun die Wahl, ob du ihr das übel nimmst und ihr vorhältst, dass sie so ja niemals große Dinge erreichen wird, wenn sie noch nicht mal offen ist, ein neues Restaurant zu besuchen. Denn ihren leidigen Job wird sie ja wohl erst wechseln, wenn sie etwas offener ist für Neues…

Wahrhaftiges Umdenken oder Veränderung geschieht aber leider nur, wenn der andere von SICH AUS auf die Idee kommt.

2. Du nimmst dem anderen die Chance auf Wachstum und Weiterentwicklung

Woran bist du selbst am stärksten gewachsen? Nach welchen Situationen oder Erlebnissen hast du am meisten gelernt?

Wenn du ehrlich bist, weißt du, dass es gerade herausfordernde und unangenehme Dinge waren, in denen du viel dazulernen konntest.  

Jeder hat einen Horror davor, „Fehler“ zu machen. Doch in Wahrheit sind es genau diese und die damit verbundenen Gefühle von Scham, Schuld, Ängsten und Sorgen, die dich in eine neue Richtung lenken (können).

Durch Schwierigkeiten, Herausforderungen, Schmerz oder Verlust entdeckst du Seiten und Qualitäten in dir, von denen du vorher nie geahnt hast, dass sie in dir schlummern.

Wenn du jemand anderem zuvorkommst und versuchst, seine Päckchen zu tragen, nimmst du ihm die Chance zu erkennen, was er eigentlich kann und welche Größe und Potenzial in Wahrheit in ihm steckt.

3. Du bleibst in der Täter-Opfer-Retter Konstellationen gefangen

Wenn du versuchst, Probleme bzw. Gefühle für den anderen zu beseitigen, unterstellst du ihm genau genommen indirekt, dass er nicht in der Lage ist, für sich selbst zu sorgen.

Dass er das ohne deine Hilfe nicht hinkriegt. Du machst dich also größer, erhabener und den anderen kleiner, schwächer.

Um solche Dynamiken abzubilden, gibt es im Psychodrama das sogenannte „Drama-Dreieck“. Es besteht im klassischen Sinn aus der Verfolger-, Opfer- und Retter-Position. Um in dieser Sprache zu bleiben: du machst den anderen zu einem Opfer, das sich nicht selbst helfen kann und spielst dich als Retter („Ich muss dich retten“) oder Verfolger („So kannst du das doch nicht länger laufen lassen.“) auf.

Die Rollen im Drama-Dreieck sind nicht fix, sondern wechseln. So kommt es oft vor, dass du selbst irgendwann zum Opfer wirst. Nämlich dann, wenn die Person, die du als Opfer behandelt hast, mit dem Finger auf dich zeigt und selbst zum Verfolger wird und dir Vorwürfe macht. Hallo Konflikt sage ich nur…

So steigst du aus dem Drama-Dreieck aus und unterstützt andere auf eine angemessene Weise

Wenn du bis hierher durchgehalten hast, weißt du nun, dass du das Wahrnehmungs- und Filtersystem eines anderen nicht oder nur mit seiner Kooperationsbereitschaft und Zustimmung verändern kannst. Du weißt auch, dass du durch „helfen“ verhinderst, dass die entsprechenden Personen an Herausforderungen wachsen und sich weiterentwickeln können. Und, dass du durch übermäßige Hilfestellungen dafür sorgst, dass ihr im Drama-Dreieck gefangen bleibt.

Wahrscheinlich stellst du dir die Frage, wie du endgültig aus der Verantwortungsnummer aussteigen kannst.

Neben einem tiefen Verständnis für den anderen, welches hoffentlich durch Punkt 1 und 2 in dir geweckt wurde, lohnt es sich, deine ganz persönlichen Drama-Situationen genauer unter die Lupe zu nehmen.

Frage dich dafür, wo, d.h. bei welchen Personen und Situationskonstellationen du Täter, Retter und Opferrollen erahnen bzw. wahrnehmen kannst.

Du musst dies nicht sofort und vollständig beantworten. Besser ist, dass du dich und deine Interaktionspartner über einen längeren Zeitraum beobachtest. Halte deine Erkenntnisse am besten in Stichpunkten schriftlich fest.

Als nächstes kannst du dir überlegen, wie du aus diesen festgefahrenen Rollen rauskommst.

Jepp, es gibt einen „offiziellen“ Ausstieg aus dem Dramadreieck. Die konstruktive Wende nämlich.

Am besten verdeutliche ich dir das an ein, zwei Beispielen. Dann bist du gewappnet und kannst es gut auf deine individuellen Situationen übertragen.

Wenn jemand etwas macht, mit dem du nicht einverstanden bist oder das du problematisch findest, kannst du das natürlich adressieren. Aber eben nicht als Verfolger, sondern als Konfrontierer. Das bedeutet, dass du deinem Gegenüber in klaren Worten deinen Standpunkt mitteilst. Ohne jedoch in einen Befehls- oder besserwisserischen Ton zu verfallen. Das kann z.B. bedeuten, dass du zu deinem Freund sagst: „Hör mal, du siehst wirklich nicht gut aus. Wenn es dir so schlecht geht, würde ich an deiner Stelle Hilfe in Anspruch nehmen – und mal einen Arzt oder Therapeuten aufsuchen.“

Anstelle dich als Retter „aufzuspielen“, wirst du Helfer.

Ein Retter springt ungefragt auf jemandem zu. Das bedeutet, Verantwortung für den anderen zu übernehmen. Schluss damit! Anstelle dessen kannst du dem anderen helfen. Das machst du, in dem du den anderen fragst, was er oder sie von dir bräuchte. Was ihm oder ihr helfen würde.

Wenn deine Freundin zum Beispiel über einen viel zu vollen Terminkalender klagt, hast du zwei Möglichkeiten. Entweder du versuchst, bestimmte To Do’s für sie zu übernehmen oder machst Vorschläge, was sie tun kann (Retter). Oder aber du fragst, wie sie es in der Vergangenheit in solchen Situationen geschafft hat, mit dem vollen Terminkalender klar zu kommen oder auch, was sie braucht und ob es etwas gibt, das du für sie tun kannst (Helfer).

Damit machst du sie nicht länger zum Opfer. Sondern adressierst deine Unterstützungsbereitschaft an sie als Bedürftigen. Ein Bedürftiger unterscheidet sich von einem Opfer, weil er sagt, was er braucht -anstatt pausenlos zu fordern oder sich selbst als hilflos darzustellen. Beispielsweise könnte deine Freundin sagen, dass es ihr helfen würde, wieder einen Überblick zu bekommen und ob ihr gemeinsam den Kalender kritisch unter die Lupe nehmt und ein paar Prioritäten setzt.

Oder nimm deinen Partner, der sich  immer wieder über seinen Chef und seine Arbeit beschwert. Er fühlt sich schikaniert, schlecht behandelt und könne nichts tun, dass sich daran etwas ändert (Opfer). Wäre er Bedürftiger, würde er vielleicht fragen, ob du ihm 10 Minuten Raum geben könntest, um über das zu sprechen, was ihn belastet. Er würde dir das gern erzählen und gemeinsam überlegen, wie er etwas an seiner Situation verändern kann. Oder aber er würde dir sagen, er braucht gar keine Tipps von dir, sondern will sich einfach nur mal auskotzen.

Dazu kannst du dann ja oder nein sagen, denn natürlich bedeutet es nicht, dass du jedem geäußerten Bedarf nachkommen musst…

Ich hoffe sehr, dass dir der Unterschied zwischen verantwortlich sein in einer unguten Weise und einem konstruktiven Unterstützen klarer wurde.

Um es zum Ende des Artikels nochmal auf den Punkt zu bringen:

Du bist nicht für das Verhalten, die Gefühle oder die Probleme anderer verantwortlich. Und sie nicht für deine.

Ja du kannst anderen in wohlwollender Weise zur Seite stehen. Aber hier gilt wie so häufig: weniger ist mehr.

Nutze die dadurch freiwerdenden Energie- und Zeitressourcen, um die Verantwortung für DICH und DEINE Gefühle zu übernehmen. Bleib bei dir und spüre, was die Probleme anderer in dir auslösen und was du tun kannst, damit es DIR damit gut geht. Wenn du das getan hast, wird dein Hilfsangebot zur echten Unterstützung, die sowohl dir als auch der anderen Person etwas GIBT und nicht nimmt.

Schreib mir, wie du nun über die Verantwortungs-Nummer denkst. An welcher Stelle im Artikel hat es bei dir Klick gemacht? Welche konkreten Handlungsimpulse hast du für dich persönlich herausgefiltert?

Ich freu mich über deine Kommentare und natürlich auch über deine Fragen, die du zu diesem schwierigen Thema eventuell noch hast.

 

PS: Sharing is caring: Wenn dir der Artikel gefallen und geholfen hat, teile ihn jetzt mit deinen Liebsten und mit allen Menschen, denen das Wissen auch weiterhelfen kann. Dankeschön!