Ruhe bewahren

Stell dir vor, du bist im Gespräch mit jemandem – deinem Partner oder deinen Kindern – und erzählst wie dein Tag so war. Du hast bereits bei deinem dritten Satz das Gefühl, dass dein Gegenüber mit seinen Gedanken ganz wo anders ist. Und du eigentlich genauso gut einen Monolog halten oder gegen eine Wand sprechen könntest. Du spürst, wie du langsam sauer wirst, redest aber trotzdem weiter. Als irgendwann eine Pause entsteht, kommt eine Gegenfrage („Und, gibt es was Neues auf der Arbeit?“), die dir genau signalisiert, dass derjenige dir rein gar nicht zugehört hat. Das war dann das kleine Tröpfchen, welches das Fass zum Überlaufen und dich in Nullkommanichts auf 180 bringt.

In solchen Situationen heißt es besonders: Ruhe bewahren. Und weil das leichter gesagt als getan ist, möchte ich dich dabei unterstützen. In diesem Artikel verrate ich dir, wie du in nur vier Schritten deine aufkommenden Gefühlswallungen in den Griff bekommst. Und in aufbrausenden Situationen ruhig und gelassen reagierst.

Manchmal ist es nur ein unbedachtes Wort vom Chef…

… was dich total auf die Palme bringt. Du kennst solche Szenarien sicherlich zu Haufe in deinem Alltag. In denen du dich tierisch aufregst oder anderen am liebsten den Hals umdrehen würdest. Wenn du im Stau stehst. Wenn dein Partner vergisst, seinen Teller wegzuräumen. Oder er dir bei eurer anschließenden Diskussion das Wort im Mund rumdreht und die geplante Aussprache mit „aber dafür machst du … NIE und vergisst STÄNDIG…“- Vorwürfen endet. Wenn dir jemand den Parkplatz vor der Nase wegschnappt. Oder dich dein Angeber-Kollege mit unnötigen Sticheleien ununterbrochen dumm von der Seite anmacht. Du weißt eigentlich, dass es sich überhaupt nicht lohnt, wegen solchen Kleinigkeiten die Beherrschung zu verlieren. Und hast dir auch schon oft vorgenommen, in diesen Situation gelassen zu bleiben und cool zu reagieren. Einfach mal von Fünf gerade sein lassen. Es gelingt dir aber verflixt noch mal einfach nicht.

Genau deshalb habe ich für dich eine ausführliche Anleitung geschrieben, die dir hilft, deine hitzigen Gefühle zu kontrollieren. Damit du dich in der nächsten Stresssituation nicht von deinen Emotionseruptionen fortspülen lässt. Sondern einen kühlen und klaren Kopf behältst. Ich meine damit nicht, dass du deine Ärgergefühle herunterschlucken sollst. Du sollst sie bewusst erleben, um im nächsten Schritt gezielt und konstruktiv damit umgehen. Wie du das anstellst? Das wirst du gleich herausfinden, wenn du weiter liest :-).

Mit diesen 4 Schritten bekommst du deine aufkeimende Wut in den Griff

Schritt 1: Identifiziere deine Stachelsituationen

Stell dir Folgendes vor: Du betrittst das Badezimmer. Die Zahnpasta liegt schon wieder offen rum, obwohl du deinem Partner schon x-mal gesagt hast, wie furchtbar du das findest. Du siehst einfach nur rot. Es geht buchstäblich mit dir durch. Du spürst wie dein Puls schneller wird und deine Körpertemperatur steigt. Deine innerliche Empörung erreicht den Siedepunkt und du würdest am liebsten auf der Stelle wild gestikulierend losschreien.

In dieser Situation ist es eindeutig, was dich so auf die Palme bringt: die offene Zahnpastatube. In vielen Momenten, in denen wir jedoch an die Decke gehen, wissen wir gar nicht, was der eigentliche Anlass war. Oft kommt an einem typischen Stresstag auch einfach alles zusammen. Du bist dann „halt einfach total genervt“ und reagierst impulsiv und aufbrausend. Vor allem, wenn dich andere Personen (gefühlt) doof anlabern. Wie sollst du da bitte die Ruhe bewahren?

Im ersten und gleichzeitig wichtigsten Schritt in Richtung innere Ruhe und Gelassenheit ist es wichtig, dass du deinen „Stachelsituationen“ auf die Spur kommst. Lass mich dir kurz erklären, was ich mit Stachelsituation meine. Am besten funktioniert das, wenn du einen Kaktus vor deinem inneren Auge hast. Die Stacheln sind in diesem Fall Situationen, Bedingungen oder Begegnungen, die dich „piksen“, d.h. in denen dir schnell der Kragen platzt. Sozusagen die Auslöser bzw. Trigger für deine aufkommende Wut und Gereiztheit. Diese können bei dir und mir und jedem anderen sehr unterschiedlich ausfallen. Ich könnte beispielsweise bei Ungerechtigkeit und Intoleranz wie eine Rakete hochgehen, während du vielleicht ausrasten könntest, wenn jemand unpünktlich ist. Oder wenn du im Stau stehst. Oder das Gefühl hast, dass andere dich nicht für wichtig erachten und auf deinen Gefühlen rumtrampeln.

Komme deinen Alarmsignalen auf die Spur

Höchstwahrscheinlich gibt es genauso viele Auslöser, wie es Menschen auf der Erde gibt. Ich kann dir leider nicht für jede einzelne deiner Stachelsituationen einen separaten Ratschlag geben. Deshalb ist es wichtig, dass du ein Bewusstsein für deine ganz persönlichen Stresssituationen entwickelst. Denn je mehr Klarheit du darüber hast, desto schneller und effektiver kannst du Gegenmaßnahmen ergreifen. Nur wenn du weißt, wann es dir nicht gelingt, gelassen zu bleiben, kannst du dich bewusst dafür entscheiden, etwas an deiner Reaktion zu verändern. Das heißt im nächsten Schritt nicht mehr kopflos und von deinen Emotionen übermannt losschreien. Sondern die Ruhe bewahren.

Was heißt das nun konkret für dich? Trete in Kontakt mit dir selbst und versuche festzustellen, wann du dazu neigst, die Beherrschung zu verlieren. Beobachte dich selbst. Ich empfehle dir, das Ganze aufzuschreiben. Wie eine Art Tagebuch. Ein Wut-Tagebuch. Nutze es immer dann, wenn es eine Situation oder ein Ereignis gibt, indem du die Kontrolle über deine Gefühle verloren hast.

Protokolliere, was genau deine Wut auslöst. Ist es eine bestimmte Stimmlage, ein nerviger Gesichtsausdruck von deinem Gegenüber oder deine eigenen Gedanken zu der Situation? Wie hast du dich gefühlt? Welche Gründe gab es für deine Wut, mit wem warst du zusammen? Wie hast du reagiert und wie hast du dich im Nachhinein gefühlt?

Am besten führst du das Tagebuch über mehrere Wochen und versuchst dann, Muster oder Gemeinsamkeiten in deinen Einträgen ausfindig zu machen. Gibt es bestimmte Personen, Orte oder Bedingungskonstellationen für deine Wut?

Schritt 2: Verstehe, was hinter deiner Wut steckt und was dich gerade wirklich innerlich aufwühlt

Überprüfe, ob du tatsächlich wütend bist. Wahrscheinlich denkst du jetzt sowas wie „Hä? Natürlich bin ich wütend, wenn ich kurz vorm Explodieren bin. Und dem anderen am liebsten an die Gurgel gehen würde.“
Dem ist aber nicht immer so. Denn häufig stecken andere Gefühle wie Traurigkeit, Verletztheit oder Angst dahinter. Und deine vermeintliche Wut ist in Wahrheit nichts als ein Stellvertreter für andere Emotionen.

Leider geschieht dieses Ersetzen so schnell und automatisch, dass du es selten mitkriegst. Oder durchschaust. Und zwar häufig dann, wenn deine Wut in keinem Verhältnis zum Auslöser steht. Auf gut Deutsch: Wenn du total überreagierst und bereits wegen einer Kleinigkeit einen Tobsuchtsanfall bekommst.

Lass mich dir ein Beispiel nennen, dann wird dir schnell klar, was ich meine. Angenommen dein Partner hat mal wieder vergessen, einen gemeinsamen Abendtermin einzutragen. Und alleine diese Tatsache triggert einen mittelschweren Wutausbruch. Höchstwahrscheinlich steckt dahinter noch was ganz anderes als die Aufregung darüber, dass du dich in Windeseile in Schale werfen musst, obwohl du dich mental bereits auf einen gemütlichen Couchabend eingestellt hast. Nämlich die Traurigkeit darüber, nicht wertgeschätzt zu werden.

Wenn du dir nicht die Zeit nimmst, in dich hinein zu spüren und herauszufinden, welches deine wahren Gefühle sind, wandelst du diese eigentlichen, primären Emotionen (Traurigkeit) automatisch und schnell in sekundäre Emotionen (Feindseligkeit oder Wut) um. Du tust dich dann schwer, über deine eigenen Gefühle nachzudenken und hast gleich das Bedürfnis, sie irgendwie weg zu agieren.

Das bedeutet für dich: Untersuche deine Gefühle und überprüfe, ob deine Wut vielleicht nicht nur ein „Verteidigungsmechanismus“ ist.

Wie du das herausfindest?

Nimm dir etwas Zeit für dich selbst, in der du ungestört bist. Setze dich einfach hin und stelle dir die Situation(en) vor, bei der die Pferde mit dir durchgegangen sind. Verbinde dich mit dem Impuls des Ärgers, der Wut. Und dann frage dich: „Gibt es noch ein Gefühl hinter der Wut und hinter meinem Ärger?“

Bleibe einfach für 10 Minuten sitzen und stell dir diese Frage im Geiste ein paar Mal. Spüre, was sich dadurch in dir verändert. Welche Körperreaktionen nimmst du wahr?

Ich habe einmal in einem Coaching erlebt, wie eine Frau zunächst eine Gänsehaut bekam, sich der Bauch ganz hart anfühlte und dann ganz plötzlich fiel sie fast in sich zusammen, wurde ganz weich und weinte. Wegen der großen Enttäuschung, die sich hinter der Wut verbarg.

Ein weiterer Weg: Überlege, ob du grundsätzlich alle deine Gefühle zulässt. Oder ob du vielmehr manche davon unterdrückst, weil du glaubst, sie nicht fühlen zu dürfen. Wenn du magst, erstelle einmal eine Liste all der Gefühle, die du am liebsten nicht fühlen willst. Schreib am besten dazu, warum du das jeweilige Gefühl gern aussortieren möchtest und es für dich eine Art Tabu-Gefühl ist.

Finde die entsprechende Bewältigungsstrategie für das, was dich wirklich beschäftigt

Sobald du weißt, welche Emotion tatsächlich hinter deinem Verhalten steckt, kannst du dann passende Strategien einsetzen, um sie zu regulieren. Wenn du beispielsweise Traurigkeit als dein eigentliches „Problem“ identifiziert hast, brauchst du wahrscheinlich die verlässliche Schulter deiner Freundin zum Anlehnen. Oder du tust für dich selbst irgendetwas tröstliches (außer essen am besten 😉 ). Wenn du wütend bist, ist es zentral, dass du dir klar machst, welche deiner Grenzen von einer anderen Person übertreten oder welches deiner Bedürfnisse verletzt wurde. Dann solltest du es demjenigen mitteilen. In diesem Artikel habe ich für dich beschrieben, wie du die Kraft der negativen Gefühle für dich nutzen kannst anstelle sie als „schlecht“ abzutun und loswerden zu wollen.

Schritt 3: Finde wirkungsvolle Strategien, um deine Gefühlswallungen in der aktuellen Situation zu kontrollieren

Du weißt nun bereits, wie du deine Wut und deine Gereiztheit näher unter die Lupe nehmen kannst. Was aber kannst du in der akuten Aufregersituation tun, um nicht auszuflippen? Ich habe mir folgende wirkungsvolle Sofortmaßnahen für dich überlegt:

1. Gewinne Abstand und distanziere dich für einen Moment von der Stachelsituation

Wenn es wieder soweit ist und du bemerkst, wie deine Emotionen hochkochen, ist es entscheidend, dass du erstmal innerlich Pause machst. Bevor das Emotionsfass überkocht. Abstand zwischen dich und die Situation zu bringen, kann Wunder bewirken. Dabei ist es ganz egal, wie du das anstellst, was du also tust. Eine einfache Möglichkeit ist es, dich räumlich zu distanzieren. Verlasse das Zimmer, oder noch besser, geh für einen Moment an die frische Luft. Du kannst dir auch, wenn es gerade möglich ist, kaltes Wasser ins Gesicht schütten. Wenn du schon mal äußerlich einen kühlen Kopf hast, lässt sich auch leichter die innere Ruhe herstellen.

Es ist dir nicht möglich, dich vom Anlass deines Ärgernisses körperlich zu entfernen? Kein Problem! Dann versuch’s mit mentalen Distanzierungsstrategien. Versuche, die Situation mit Humor zu sehen, vielleicht sogar Galgenhumor. Sage dir, dass es nur noch besser werden kann. Oder nimm eine zeitliche Perspektivverschiebung vor. Denk an irgendwas Schönes in der nahen Zukunft, auf das du dich freuen kannst. Wie zum Beispiel die Geburtstagsparty, die am Samstag ansteht.

Dieses kurze Aussteigen aus der Situation geht übrigens auch, wenn du beispielsweise ein Diskussions- oder Streitgespräch mit irgendjemandem führst. Auch dann kannst du schlicht und einfach sagen: „Ich hab‘ gerade das Gefühl, wir kommen an dieser Stelle so nicht mehr weiter. Wie wäre es, wenn wir uns kurz beruhigen und das Gespräch später oder morgen fortsetzen?“ Wenn es um Privatgespräche geht, kann ich dir auch empfehlen, deine aufwühlenden Emotionen schlicht und einfach anzusprechen. Sag‘ beispielsweise: „Ich merke, wie meine Gefühle gerade hochkochen und mit mir durch gehen. Lass uns bitte an dieser einen Cut machen und später weiterreden.“

Raus aus dem Hamsterrad

Was auch immer du tust – ob du den Raum verlässt, dich ausstreckst, eine Entspannungsübung machst, innerlich darüber lachst oder dir sagst:„Das kriege ich schon hin“ – all diese Strategien helfen dir dabei, dich von deinen Gefühlen nicht mitreißen zu lassen. Du bist dann nicht mehr Opfer und lässt sich von deinen Emotionen kontrollieren. Sondern handelnder Akteur. Gehe auf Distanz und betrachte das Geschehnis von außen oder oben. Und du wirst sehen: in der Regel ist es die Situation überhaupt gar nicht wert, dass du dich so aufregst.

2. Atme tief durch und ordne deinen Gedanken

Die nächste Sofortmaßnahme klingt zunächst simpel und banal, ist aber dennoch unheimlich wirkungsvoll. Das Atmen. Ja, du hast Recht, du atmest bereits die ganze Zeit. Aber gerade in Stachelsituationen, in denen du ausrasten könntest, ist es total effektiv, dich darauf zu konzentrieren. Das ist die wirksamste Akutstrategie, die ich kenne. Nicht umsonst sind tiefe Atemzüge wichtiger Bestandteil von Meditationen. Sie fahren deinen Körper herunter, in dem sie das entsprechende System, den Parasympathikus aktivieren. So beruhigt sich dein Puls und dein Herzschlag. So wird es dir möglich,
wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Denn in einem Moment, in dem du wirklich auf der Palme bist, hast du echt selten Zugang zu deinem rationalen Denken. Dir selbst zu sagen „Reg dich nicht so auf.“ bringt also in der Regel gar nichts. Besser ist es, durchzuatmen. Das bringt deinen Parasympathikus an den Start. Also das körperliche System, das dich wieder runterfahren lässt.

Was du tun musst? Ganz einfach. Zähle beim Einatmen bis drei. Halte deinen Atem für weitere drei Sekunden an und zähle beim Ausatmen nochmal bis drei. Wichtig ist dabei, dass du tiefe Atemzüge machst, sodass deine Lunge voll gefüllt ist und sich deine Brust und dein Bauch ausdehnen. Und dann vor allem noch tiefer (und vielleicht auch etwas länger) ausatmest. Mach diese Atemzüge so lange, bis du meinst, dich wieder unter Kontrolle zu haben.

Beobachte, wie dein Körper zur Ruhe kommt. Wenn du dich entspannt hast, ist es leichter, das Ganze von einer anderen Perspektive zu sehen. Angenommen, es ist einer dieser Tage, an denen dich dein Chef wegen jeder klitzekleinen Kleinigkeit zurechtweist. Dann wirst du nicht mehr denken: „Ich würde ihm am liebsten an die Gurgel springen“, sondern: „Mein armer Chef, der hat heute wohl einen besonders schlechten Tag erwischt“.

3. Führe positive Selbstgespräche

Nicht Jeden stressen und piksen dieselben Stachelsituationen. Wieso ist das so? Ganz einfach: Ob dich eine Situation kalt lässt oder du in Nullkommanichts auf 180 bist, hängt nicht nur von der Situation an sich ab. Sondern zu einem großen Teil von dir selbst. Genauer gesagt von deiner Bewertung. Du hast die Wahl und entscheidest alleine, wie deine Reaktion auf den Reiz (in diesem Fall die Situation) ausfällt.

Lass mich dir genauer erklären, wie ich das meine. Ganz allgemein ist die Art und Weise, wie du reagierst wesentlich davon abhängig, wie du eine Situation oder ein Verhalten deines Gegenübers mental bewertest. Nun wirst du wahrscheinlich sagen: Schon klar, aber in meiner Stachelsituation entscheide ich mich mit Sicherheit nicht absichtlich und bewusst dafür, durchzudrehen. Das mag sein. Aber du hast dir das im Laufe der Zeit wie eine Art Automatismus „antrainiert“. Du hast zum Beispiel irgendwann in der Vergangenheit festgestellt, dass es dich unglaublich nervt, wenn die Zahnpasta nicht zugedreht ist. Und von da an läuft deine Reaktion auf Autopilot: Reiz à Reaktion. Offene Zahnpastatube à Wutanfall.

Was du allerdings häufig vergisst: Genauso wie du dich damals entschieden hast, die offene Zahnpastatube schrecklich nervig zu finden, kannst du dich im Hier und Jetzt auch wieder umentscheiden. Und dir klar machen, dass eine offene Zahnpasta kein Weltuntergang ist. Du denkst nur, du kannst es nicht, weil du dich schon zu sehr an deinen Autopiloten gewöhnt hast.

Komme in einen konstruktiven Dialog mit dir selbst

In Wahrheit kannst du jedoch jederzeit eine andere, positivere automatische Reaktion hervorrufen. Eine, für die du dich bewusst entschieden hast. Ich weiß, dass das nicht einfach ist. Das liegt vor allem an den Sätzen, die dir in deinen Stachelsituationen sofort durch Kopf schießen. Sowas wie „Ich habe es ihm doch schon tausend Mal gesagt. Wie kann man denn nur so bescheuert sein? Der macht das doch ganz sicher mit Absicht!“ Aber woher weißt du, dass er das tatsächlich mit Absicht macht? Schließlich hat jeder von uns seine (Un-)Ordnungs-Ticks. Du sicherlich auch ;-).

Du hast immer die Option, zu deinen gedanklichen Automatismen „STOP“ zu sagen. Führe dir vor Augen, dass du dieser Stimme nicht hilflos ausgeliefert bist.

Hierfür ist vor allem eines nötig: Achtsamkeit. Du musst mit deiner gesamten Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt sein. Wenn du das bist, kannst du diese Stimme verändern. Du musst sie nicht vollständig ausschalten. Verwandle sie nur von einem Miesmacher in einen realistischen Optimisten. Dann kannst du deine Stachelsituation in einer objektiven, aber auch positiven und befreienden Art und Weise mit dir selbst diskutieren. Sag dir beispielsweise: „Er meint es bestimmt nicht so. Wahrscheinlich war er mit seinen Gedanken schon wieder zur Hälfte im Büro.“ Oder nehmen wir die Beispielsituation am Anfang des Artikels. In der du deine eigenen Gefühle verletzt siehst und es dann auch an der Zeit sein kann, verstärkt Verantwortung zu übernehmen. „Du könntest dir deshalb sagen: „Ich sollte stärker deutlich machen, dass ich mir wünsche, dass sie mir zuhören.“ Oder aber du versuchst auch hier, die Situation zu entschärfen und deine Erwartungen etwas runterzuschrauben: „Es ist okay, dass mein Mann und mein Kind nicht mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit bei mir sind“.

Schritt 4: Gehe konstruktiv mit deiner Wut um und finde einen gesunden Weg, um deinen Dampf abzulassen

Ich möchte nicht, dass du durch meine bisherigen Tipps den Eindruck bekommst, es sei richtig, deine aufwühlenden Gefühle und Impulse zu unterdrücken. Denn dieser Meinung bin ich absolut nicht. Alle deine Empfindungen haben eine Daseinsberechtigung, der du nachgehen solltest. Die bisherigen Strategien sollten dich in erster Linie davor bewahren, über zu reagieren und einen Tobsuchtsanfall zu bekommen. Denn dieser führt meistens zu noch mehr Stress und vor allem auch negativen Konsequenzen in puncto zwischenmenschlichen Beziehungen. Das bedeutet jedoch nicht, dass deine Gefühle vollkommen unangebracht sind oder du sie gar unterdrücken sollst. Egal ob es sich dabei um Wut, Eifersucht, Neid oder Traurigkeit handelt – grundsätzlich ist es gesünder, deine Emotionen „rauszulassen“. Du solltest sie also nicht in dich hineinfressen.

Überlege also am besten, wie du deine Gefühle in die richtigen Bahnen lenken und sie auf eine gesunde Art und Weise zum Ausdruck bringst. Denn grundsätzlich sind deine Emotionen prima Antreiber. Sie stellen eine großartige Energiequelle dar, die Veränderungsprozesse ins Rollen bringen können. Nutze diese freigesetzten Kräfte und lass dich von ihnen inspirieren. Vor allem Ärgergefühle fördern kreative Ideen.

Sie zwingen dich zu neuen Lösungswegen, die du vorher noch nicht in Betracht gezogen hast

Nehmen wir mal an, du regst dich unheimlich darüber auf, dass dein Partner dauernd das Licht im Bad brennen lässt. Du verstehst einfach nicht, was denn bitte so schwer daran ist, das verfluchte Licht auszuschalten, wenn man fertig ist. Du hast ihm das natürlich bereits zig mal gesagt – mal mehr, mal wieder freundlich. Was könntest du in diesem Fall tun, um ihn dazu zu bringen, dran zu denken?

Wie wär’s, wenn du ihm zum Beispiel einen neckenden Post-It an den Lichtschalter klebst. Oder aber du führst eine Strichliste und immer wenn er es in Summe drei Mal vergessen hat, muss er dich zum Essen einladen. Du wirst sehen, wie schnell er plötzlich einen Lichtschalter bedienen kann ;-).

Trotzdem gilt: Gebe deinem Gegenüber klar zu verstehen, was du fühlst

Dieser spielerische Umgang mit solchen Macken deines Partners kann eine super Sache sein. Es ersetzt aber trotzdem nicht ein klärendes Gespräch. In dem offen auf den Tisch kommt, um was es eigentlich geht. Denn ich erlebt es sehr oft – gerade bei Frauen – dass sie gar nicht klar und deutlich sagen, was sie stört. Sie reden lieber um den heißen Brei herum oder versuchen, es durch die Blume zu sagen. Nur leider checkt das der Andere sehr selten, denn für ihn ist es alles andere als offensichtlich.

Gerade dann ist die Gefahr besonders groß, dass dir unverhältnismäßig der Kragen platzt. Denn dann bist du doppelt sauer: Zum einen auf dich selbst, weil du es nicht auf die Reihe kriegst, zu sagen, was du wirklich denkst und willst. Und zum anderen auf das Gegenüber, dem du vorwirfst, unsensibel zu sein und dich nicht zu achten und zu wertschätzen.

Was du also tun solltest? Sag dem anderen klipp und klar, was du wirklich denkst, das heißt, was dir stinkt und dich abnervt. Und vor allem – und das ist jetzt vor allem an die Frauen unter uns gerichtet: Erwarte nicht von anderen, dass sie für deine Wertschätzung Anerkennung und Liebe zuständig sind. Sondern sorge dafür, dass du sie dir selbst gibst. Liebe dich selbst mehr, dann bist du nicht darauf angewiesen, dass andere dir Honig ums Maul schmieren und dir ein gutes Gefühl geben. Dann wird dich auch ein nicht zuhörender, pubertierender Sohn nicht mehr so auf die Palme bringen. Er wird dir stattdessen nur ein müdes, schmunzelndes und zufriedenes Lächeln abgewinnen können.

Mit resignativer Reife zu mehr Wohlbefinden und Glück

Mir ist es wichtig, dass du mitnimmst, wie zentral es ist, im Umgang mit deinen Stachelsituationen, die Balance zu wahren. Was meine ich damit? Dass du einerseits sehr wohl kreative Lösungswege finden sollst, die deine Stimmung heben und dich von deinen emotionalen Ausbrüchen ablenken. Gleichzeitig solltest du dich aber auch in Akzeptanz üben. Die Macken, oder schöner formuliert Ecken und Kanten deines Partners annehmen, wie sie sind. Wenn du langfristig mit Jemandem zusammenleben möchtest und gleichzeitig glücklich und zufrieden sein willst, brauchst du resignative Reife. Der Begriff stammt von dem von mir sehr geschätzten Psychologen und Paartherapeuten Arnold Retzer und ich kann das dazugehörige Buch, „Lob der Vernunftehe“ nur empfehlen. Zurück zum Thema: Resignative Reife meint, dich mit (manchen) Dingen abfinden lernen und ihnen positiv, zumindest neutral zu begegnen. Also zu verstehen und innerlich zu bejahen, dass dein Partner nun mal niemals das Licht im Badezimmer ausmachen wird. Und das als liebevolle Macke zu sehen anstelle ständig darum zu kämpfen, dass er es doch endlich mal kapieren soll.

Für Interessierte habe ich hier ein tolles Video gefunden, in dem der Arnold Retzer die Kernaussagen seines Buches und die dahintersteckenden Grundthesen anschaulich darstellt und vertritt. Super spannend – reinhören lohnt sich!

Hol dir die Ruhe und Gelassenheit zurück

Ich weiß, wie schwierig es ist, die Fassung nicht zu verlieren, wenn dir der Kragen fast platzt. Aber denk daran: Niemand kann in dir ein Gefühl bzw. eine Reaktion erzeugen, wenn du es nicht zulässt. Ich hoffe sehr, du weißt nun, wie du besser mit deinen Stachelsituationen umgehen kannst, in denen akuter Kontrollverlust droht. Diese Schritte-Anleitung soll dir beim Ruhe bewahren helfen. Damit du auch in nervenaufreibenden Situationen gelassener reagieren kannst.

Mich interessiert natürlich brennend, ob diese Anleitung hilfreich für dich war. Hinterlasse mir doch einen Kommentar und berichte, ob das Umsetzen der einzelnen Schritte gut geklappt hat. Oder was du sonst noch bräuchtest und an welcher Stelle ich dich vielleicht noch ein bisschen mehr unterstützen kann.

 

PS: Sharing is caring: Wenn dir der Artikel gefallen und geholfen hat, teile ihn jetzt mit deinen Liebsten und mit allen Menschen, denen das Wissen auch weiterhelfen kann. Dankeschön!